Die Erfahrungen von Petra Kessler

Portrait Petra Kessler ist zum Zeitpunkt des Interviews 50 Jahre alt und lebt allein. Sie ist frühberentet und arbeitet noch wenige Stunden. Seit mittlerweile fast 40 Jahren leidet sie an einer Essstörung. Ihr Tagesablauf ist stark ritualisiert, insbesondere ständige Bewegung spielt bei ihr eine entscheidende Rolle.

Petra Kessler erzählt, dass sie mit 12 Jahren mit einer Diät begann. Ihr gefiel die Aufmerksamkeit, die sie durch das Abnehmen erhielt, und sie wollte die Leichteste in der Klasse sein. Sie mied immer mehr Lebensmittel und begann, ihre Mahlzeiten selbst zu kochen, da sie fand, dass ihre Mutter zu fettig kochte. Sie machte zunehmend Sport. Von sozialen Aktivitäten begann sie, sich auszugrenzen. Sie beschreibt, dass dieses Verhalten immer schlimmer wurde und sie einen „Tunnelblick“ entwickelte, weshalb sie selbst in dieser Zeit gar kein Problem wahrnahm.

Als sie nach dem Abitur so stark im Untergewicht war, dass sie Angst hatte, zu verhungern, kam sie stationär in eine Klinik für Innere Medizin und von dort aus für ein halbes Jahr in die Psychiatrie. Sie erzählt, dass sie dort zwar aß und auch zunahm, aber aufgrund ihres starken Untergewichts nicht viel mitbekam und auch nicht verstand, worum es in den Therapien eigentlich ging.

Nach dem Klinikaufenthalt begann sie eine chemisch-technische Ausbildung und fand anschließend Arbeit im Kundenbetrieb. Sie erinnert sich, immer „funktioniert“ zu haben, begann aber bald wieder, mehr zu laufen und weniger zu essen. In der Freizeit und während Urlauben hatte sie teilweise tagelange „Fressphasen“. Im Nachhinein bedauert sie, manchmal unfreundlich im Umgang mit Kund/innen gewesen zu sein, weil sie sich nur noch um sich selbst und das Essen drehte.

Als ihr gekündigt wurde, brach für Petra Kessler alles zusammen. Aufgrund ihres Untergewichts hatte sie Angst, sich neu zu bewerben. Sie wurde vollberentet und fand einen Mini-Job. Heute geht es ihr während der Arbeit eigentlich am besten, inzwischen genießt sie auch den Kundenkontakt und ist stolz darauf, dass sie die Arbeit viel besser hinbekommt.

Andere Bereiche bleiben für sie schwierig. Petra Kessler erzählt, dass sie ihre Tage damit verbringt, bis zur totalen Erschöpfung umher zu laufen, um den Tag zu strukturieren, Energie zu verbrennen und den Hunger weniger zu spüren. Abends hat sie feste Essrituale. Sie schildert, was ihr durch die Essstörung in ihrem Leben alles versagt geblieben ist. Sie hat viele Dinge noch nie gegessen und ihre festen Rituale machen es ihr bislang noch nicht möglich, einmal etwas Neues zu erleben. Petra Kessler ist dankbar für die Unterstützung ihrer Freundin, die auch eine Essstörung hat. Sie wünscht sich für die Zukunft, aus ihren Mustern auszubrechen und würde vieles gerne einmal ausprobieren.

Das Interview wurde im Sommer 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Petra Kessler

Petra Kessler findet es wichtig, der Person das Gefühl zu geben, dass sie akzeptiert und richtig ist.

Petra Kessler glaubt, dass sie Hilfe nicht annehmen kann, weil sie eigentlich nicht zunehmen will.

Petra Kessler sagt, dass die Selbsthilfegruppe für sie nicht das Richtige war.

Petra Kessler erzählt, dass verschiedene Therapien scheiterten, weil sie noch nicht bereit war, etwas zu ändern.

Petra Kessler beschreibt ihre Angst vor neuen Verhaltensweisen und wie sie deswegen lieber das Alte, Vertraute der Krankheit wählt, auch wenn es nicht schön ist.

Petra Kessler beschreibt es als Erleichterung, stark im Untergewicht zu sein, weil sie dann nicht mehr wahrnimmt, was sie durch die Essstörung alles verloren hat.

Urlaub stellte für Petra Kessler eine besondere Herausforderung dar: in der freien Zeit traten ihre „Fressphasen“ auf.

Petra Kessler wurde gekündigt. Sie erzählt, dass sie nur noch sich selbst sah, was im Kundenumgang zu Schwierigkeiten führte.

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