Die Erfahrungen von Hannah Becker

Portrait Hannah Becker ist zum Zeitpunkt des Interviews 24 Jahre alt, studiert Sport und lebt mit zwei Freundinnen in einer WG. Nach einer Magen-Darm-Erkrankung entwickelte sie eine Essstörung, in deren Verlauf sie rapide an Gewicht verlor. Schließlich entschied sie sich zu einer ambulanten Psychotherapie und zwei aufeinanderfolgenden stationären Klinikaufenthalten.

Hannah Becker fühlte sich nach einer Tropenkrankheit im Magen-Darm-Trakt für längere Zeit oft schlecht. Aufgrund des Verdachts auf Lebensmittelunverträglichkeit fing sie an, bewusst auf ihr Essen zu schauen und bestimmte Lebensmittel wegzulassen. Sie erzählt, dass sie anfangs gar nicht merkte, wie alles aus dem Ruder lief. Tägliches Wiegen wurde für sie sehr wichtig und sie begann, zusätzlich zu ihrem Sportstudium extrem viel Sport zu machen, was sie zunehmend als „Zwang“ empfand. Ihr Gewicht ging rapide runter. Wenn sie aß oder zu wenig Sport machte, fühlte sie sich schuldig und als „Versager“. Irgendwann konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Sie lenkte sich ab, um nicht über das Thema Essen nachzudenken.

Hannah Becker sagt, dass ihr Leben in dieser Zeit eigentlich nicht mehr funktionierte. Die Essstörung stand zunehmend im Vordergrund und belastete auch ihr Umfeld. Die Familie sorgte sich zunehmend, ihre langjährige Beziehung ging in die Brüche, sie bekam Streit mit ihrer besten Freundin. Die Besorgnis der anderen setzte sie unter Druck und sie wollte beweisen, dass alles in Ordnung war. Gleichzeitig fand sie ihr Untergewicht selbst wirklich schlimm, merkte jedoch schnell, dass sie es alleine nicht ändern konnte.

Hannah Becker erzählt, dass sie sich eine ambulante Psychotherapie suchte, aber diese nicht ausreichte. Unterstützt durch ihre Therapeutin entschied sie sich für einen Klinikaufenthalt. Die dortigen Regeln und die Strukturvorgabe beim Essen gaben ihr viel Sicherheit. Durch die Psychotherapie bekam sie Abstand von den eigenen Denkmustern und Gefühlen, außerdem lernte sie, sich nicht mehr so sehr für die eigenen Gedanken zu verurteilen. Besonders hilfreich fand sie den Austausch mit einer Mitpatientin. Von ihr fühlte sie sich verstanden und wurde gleichzeitig mit ihrem eigenen Essverhalten konfrontiert. Für die Klinik ließ Hannah Becker sich von ihrem Sportstudium beurlauben.

Hannah Becker hilft es in schwierigen Momenten, sich um ihren Körper zu kümmern – zum Beispiel die Fingernägel zu lackieren oder sich einzucremen. Obwohl es ihr viel bessergeht und sie wieder Normalgewicht hat, merkt sie manchmal, dass sie auf Verhaltensweisen aus der Essstörungszeit zurückgreift und sorgt sich, dass dies bleiben könnte. Sie findet es entscheidend, selbst gesund werden zu wollen und die Verantwortung für die Essstörung zu übernehmen. Im Nachhinein ist sie dankbar für die Unterstützung durch ihre Familie und ihre Freunde, doch es ist schlimm für sie, diesen so viel Kummer bereitet zu haben.

Das Interview wurde Anfang 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Hannah Becker

Hannah Becker erzählt, wie gut es ihr in der Therapie tat, mit einer objektiven Person zu sprechen, die nicht involviert war und von der sie sich verstanden fühlte.

Hannah Becker glaubt, dass Angehörige zwar Mut zusprechen, aber nur begrenzt helfen können. Die Person muss begreifen, dass sie selbst verantwortlich ist.

Hannah Becker traut sich oft nicht, ihre Schwierigkeiten mit dem Essen anzusprechen.

Hannah Becker hatte das Gefühl, alle waren dankbar, wenn sie ihnen vermittelte, dass sie sich keine Sorgen machen müssen.

Hannah Becker protestierte gegen die Behauptung ihrer besten Freundin, sie habe eine Essstörung, kam später jedoch ins Zweifeln.

Hannah Becker erlebte nach dem Essen immer stärkere Schuldgefühle und aß immer weniger.

Hannah Becker erzählt, dass mit der Essstörung irgendwann ihr ganzes Leben unflexibel wurde.

Hannah Becker informierte sich im Internet über mögliche Therapeuten in ihrer Stadt.

Hannah Becker war froh, in der Klinik eine Leidensgenossin zu haben, mit der sie die Zeit gemeinsam durchstehen konnte.

Hannah Becker freut sich inzwischen, wenn sie spürt, dass sie einen Körper hat, der zu ihr gehört.

Hannah Becker schaute sich verschiedene Kliniken an und bekam in einer Klinik gleich einen guten Eindruck.

Für Hannah Becker war es sehr wichtig, in der Klinik die Verantwortung fürs Essen abgeben zu können; sie kann sich nicht vorstellen, wie sowas ambulant funktionieren soll.

Hannah Becker fühlte sich schuldig und als Versagerin, wenn sie etwas gegessen hatte.

Hannah Becker erzählt, wie sie sich für die „kranken“ Gedanken in der Essstörung schämt.

Hannah Becker erzählt, dass sie in der Essstörung vieles machen konnte, aber ihr Kopf war wie „gefangen“, sie konnte sich auf nichts konzentrieren.

Sport wurde für Hannah Becker zu einer „krassen Verpflichtung“.

Für Hannah Becker war das Essen mit anderen schon immer einfacher, als alleine zu essen.

Für Hannah Becker ist es hilfreich, nicht alleine zu sein.

Hannah Becker fühlt sich leicht angegriffen, wenn ihre Mutter sie auf Essen anspricht.

Hannah Beckers Geschwister nahmen Anteil an der Essstörung. Die älteren machten sich Sorgen, die jüngeren waren nicht so belastet.

Hannah Becker hilft es manchmal, sich um ihren Körper zu kümmern, wenn es ihr schlecht geht.

Hannah Becker kann mit ihrer Therapeutin auch über „kranke“ Gedanken offen reden. Sie hilft ihr, nicht so kritisch mit sich selbst zu sein.

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